SICHER TRAINIEREN TROTZ KREBSDIAGNOSE.

Im Interview: Peter Bergsmann über moderne Trainingstherapie in der Onkologie

Peter Bergsmann gibt Einblick in die moderne Trainingstherapie in der Onkologie, räumt mit verbreiteten Mythen auf und zeigt, wie wissenschaftliche Erkenntnisse sicher in die physiotherapeutische Praxis übertragen werden können.

Peter Bergsmann

23.06.2026


1. Stell dich unseren Leser kurz vor: Wer bist du und was sind deine fachlichen Schwerpunkte?
Mein Name ist Peter Bergsmann, ich bin 34 Jahre und komme aus Oberösterreich. Meine fachlichen Schwerpunkte und Interessensgebiete liegen in der trainingstherapeutischen Begleitung onkologischer Patient:innen, insbesondere von Patienten mit einem Prostatakarzinom. Außerdem arbeite ich gerne mit akuten und chronischen Patient:innen mit Beschwerden am Bewegungsapparat (unspezifische Rücken- und Nackenbeschwerden, diverse Pathologien des Hüftgelenks).


2. Wie bist du zur Onkologie und speziell zur Trainingstherapie mit onkologischen Patienten gekommen?
Die Onkologie begleitet mich seit meinen ersten beruflichen Schritten bei den Barmherzigen Schwestern in Linz (OÖ). Hier bekam ich die Gelegenheit, gemeinsam mit einem wunderbaren interdisziplinären Team, die erste ambulante onkologische Rehabilitation Österreichs aufzubauen. Außerdem konnte ich onkologische Patient:innen auch im stationären Krankenhaus-Setting begleiten. Somit hatte ich die Möglichkeit, Krebspatient:innen vor, während und nach der antitumorösen Therapie mit bewegungs- bzw. trainingstherapeutischen Ansätzen zu begleiten.


3. Bewegung und Training bei einer Krebserkrankung – was hat sich hier in den vergangenen Jahren verändert und wo begegnen dir in der Praxis noch Vorbehalte oder Unsicherheiten?
Wir haben nun Jahrzehnte hinter uns gebracht, in denen Schonung und Ruhe für Krebspatient:innen an der Tagesordnungsliste standen. Dank einer riesengroßen Menge an wissenschaftlichen Studien und einer Vielzahl an praktischen Fallbeispielen haben wir aber gelernt, dass Krebspatient:innen vor, während und nach der antitumorösen Therapie vom genauen Gegenteil profitieren können, sodass mittlerweile neben moderat-intensiven Trainingsformen auch hoch-intensive Belastungsformen zum Einsatz kommen. Die Wissenschaft und meine praktische Erfahrung zum Thema sprechen hier eine ganz klare Sprache: Training hilft! In der Praxis zeigen sich leider noch viel zu oft Skepsis, Bedenken und Sorgen bei Therapeut:innen, Mediziner:innen, Patient:innen und Angehörigen. Die Folge davon ist, dass leider nur ein kleiner Teil der Betroffenen trainingstherapeutische behandelt wird.


4. Die „Exercise Therapy in Oncology – Basic“ richtet sich an Physiotherapeuten, die sich intensiver mit diesem Bereich beschäftigen möchten. Warum sollte das Thema deiner Meinung nach auch für Kollegen relevant sein, die bisher nicht schwerpunktmässig in der Onkologie arbeiten?
Mein neues Kurskonzept richtet sich in Wahrheit an alle Physiotherapeut:innen, natürlich an jene, welche schwerpunktmäßig im onkologischen Bereich tätig sind, aber besonders auch an alle Therapeut:innen, die ihren Schwerpunkt in anderen Feldern haben (Orthopädie, Neurologie, Innere Medizin, etc.). Die Prävalenz onkologischer Patient:innen steigt aus unterschiedlichen Gründen enorm, auch in der Schweiz. D.h., dass es immer mehr onkologische Patient:innen geben wird. Folglich ergibt sich für unsere Berufsgruppe ein neues bedeutendes Betätigungsfeld. Auch Therapeut:innen, welche primär mit anderen Themenschwerpunkten arbeiten, sollten Sicherheit und Wissen im trainingstherapeutischen Umgang erwerben, das Krebs als Haupt- und Nebendiagnose zukünftig eine immer häufiger anzutreffende Problemstellung sein wird. 


5. Was sollen Teilnehmende nach den zwei Tagen konkret mit in ihren Praxisalltag nehmen können?
Ziel meines Kurskonzeptes ist es, dass Teilnehmende Sicherheit und Wissen in der Initiierung, Durchführung und Progression unterschiedlicher trainingstherapeutischer Modalitäten (Ausdauer-, Kraft-, Gleichgewichts-, Vibrationstraining, etc.) erlangen. Meine Kursabsolvent:innen können angepasst an unterschiedliche Problemstellungen geeignete und effektive Trainingsmethoden vor, während und nach der Tumortherapie adäquat einsetzen und helfen somit Krebspatient:innen nicht nur ihre Lebensqualität zu verbessern, sondern auch relevante tumortherapieinduzierte Nebenwirkungen positiv zu beeinflussen und aktiv an der eigenen Gesundheit bzw. Prognose mitzuarbeiten.


6. Ein weiteres Thema von dir ist das Training bei Knochenmetastasen. Gerade hier besteht häufig Unsicherheit: Darf bzw. soll überhaupt trainiert werden? Was möchtest du Therapeuten dazu vermitteln?
Patient:innen mit Knochenmetastasen haben einen sehr hohen therapeutischen Bedarf, sind aber aufgrund großer Unsicherheit seitens der behandelnden Akteure viel zu oft noch eine unterversorgte Population. Tatsache ist jedoch, dass auch Patient:innen mit Knochenmetastasen von medizinscher Trainingstherapie enorm profitieren. Allerdings sind hier ganz besondere Überlegungen vor Initiierung und eine spezielles Monitoring während des Trainings notwendig, damit Training auch für diese Gruppe an Patient:innen sicher durchführbar ist. In meinem Aufbaukurs bzw. Webinar zum Thema präsentiere ich die neuesten Praxis-Leitlinien zum Thema. 


7. Mit „Fakten und Mythen zum ISG“ geht es in einen ganz anderen Bereich. Welcher Mythos rund um das ISG begegnet dir besonders häufig in der Praxis?
Mich hier auf einen Mythos beschränken zu können, ist fast unmöglich, da es schlichtweg so viele Mythen zum Thema gibt. «Das ISG ist verrenkt oder blockiert»! «Die Beweglichkeit Ihres ISGs ist eingeschränkt»! «Ihr ISG ist instabil»! «Ich renke ihr ISG wieder ein»! «Der Vorlauftest zeigt mir ein eingeschränktes ISG»! Das ist nur ein Auszug an Mythen betreffend Pathophysiologie und Behandlung, im Praxisalltag begegne ich noch einer Vielzahl anderer Mythen. Ziel meines Webinars ist es, mit überholten Mythen aufzuräumen und auf Basis von Fakten zum Thema, einen evidenzbasierten Weg durch die physiotherapeutische Untersuchung und Behandlung vorzustellen. 


8. Zum Abschluss: Was macht für dich eine richtig gute Fortbildung aus – und worauf dürfen sich die Teilnehmer bei deinen Kursen freuen?
Wow – das ist eine gute Frage! Für mich macht eine gute Fortbildung aus, dass sie Wissenschaft mit Praxis vereint und, dass der Humor nicht zu kurz kommt 😊

 

Newsletter

Jetzt abonnieren und keine Neuigkeiten zu unseren Weiterbildungen verpassen!

Vielen Dank für dein Interesse.

Bitte prüfe dein Postfach und bestätigen deine Newsletter-Anmeldung über den zugesandten Link.

Loading...