EVIDENZ, ERFAHRUNG UND FINGERSPITZENGEFÜHL
Im Interview: Prof. Dr. Hannu Luomajoki über best practice
Was bedeutet Best Practice in der modernen Physiotherapie? Prof. Dr. Hannu Luomajoki spricht über evidenzbasierte Tests, typische Denkfehler und darüber, welche Kompetenzen Therapeut/innen heute wirklich brauchen.
09.09.2026
Kurzinterview mit Prof. Dr. Hannu Luomajoki
Moderne muskuloskelettale Physiotherapie: testen, verstehen, behandeln
Hannu, du bist seit vielen Jahren in der Physiotherapie, Forschung und Lehre tätig und hast lange an der ZHAW unterrichtet. Was hat sich aus deiner Sicht in der Physiotherapie in den vergangenen Jahren besonders verändert?
Wir haben immer mehr Studien und Evidenz. Das muss reflektiert werden und man muss am Ball bleiben.
Deine Weiterbildungen bei CareStudy stehen unter dem Titel „Best Practice“. Was bedeutet „Best Practice“ für dich persönlich in der physiotherapeutischen Arbeit?
Für mich bedeutet «Best Practice» so zu handeln wie wir es im Moment am Besten durch Studien und Evidenz wissen und kennen. Das muss aber mit Vernunft, Durchführbarkeit, eigener Erfahrung und Patient/innen Bedürfnisse zusammen passen. Also nicht nur etwas forcieren, was Evidenz hat aber schwierig oder sehr unpassend in der täglichen Praxis ist.
Evidenzbasierte Physiotherapie ist heute ein zentraler Anspruch. Gleichzeitig ist jeder Patient und jede Patientin individuell. Wie gelingt es aus deiner Sicht, wissenschaftliche Evidenz, klinische Erfahrung und die individuelle Situation der Patient/innen sinnvoll miteinander zu verbinden?
Es braucht in der Tat auch Erfahrung und etwas «Fingerspitzgefühl». Wenn man selber unsicher ist, oder Patient/in ist sehr widerwillig dem gegenüber, wird es nicht klappen. Aber grosse Richtlinien von der Behandlung z. B. Ausmass oder unterschiedliche Teile Aktiv / Passiv / pat. Edu ist schon wichtig zu erkennen.
Tests und Untersuchungsmethoden gehören zum therapeutischen Alltag. Woran erkennen Physiotherapeut/innen, welche Tests tatsächlich relevant sind – und wann vielleicht auch weniger mehr ist?
Das ist eine gute Frage. Wir haben sehr viele verschiedene Teste in der Schule oder in den Kursen gelernt. Heute wissen wir aber ziemlich gut, welche sind zuverlässig und valide und solche sollen wir bevorziehen. Wir wissen zB dass von über 100 verschiedene ISG Teste reichen schon ca 5 Beste. Bei Schulter sehr viele früher als spezifisch gemeinte Tests sind widerlegt. Also wenn man die guten evidenzbasierten Tests kennt und kann, spart man Zeit, Nerven und man wird von vieler Unklarheit gespart.
In der Best-Practice-Reihe beschäftigst du dich mit unterschiedlichen muskuloskelettalen Beschwerdebildern. Gibt es übergreifende Prinzipien, die Therapeut/innen unabhängig von der jeweiligen Körperregion in ihrer täglichen Arbeit helfen?
Ich denke grundsätzlich bei allen Msk Beschwerden wichtig ist Patient/innen zentriert vorzugehen. Also nicht nur nach med. Diagnose sondern wirklich zuhören was die Probelme im Alltag beim jeweiligen Pat. sind. Man soll validierte Fragebogen benutzen. Kombination von manueller Therapie, Übungen und Patient/innen Edukation sind die Cornerstones bei allen Patient/innen.
Wo siehst du aktuell noch typische Denkfehler oder überholte Annahmen in der Behandlung muskuloskelettaler Beschwerden?
Schwarz-weiss denken. Das heisst nur passiv oder nur Manueller Therapie oder nur Trigger Points behandeln. Ebenso zu meinen, dass man immer nur mit aktiven Übungen alles macht. Es ist individuell und meistens eine Kombination von verschiedenen Methoden.
Du hast viele Jahre Physiotherapeut aus- und weitergebildet. Welche Kompetenzen sind aus deiner Sicht heute besonders wichtig, um langfristig eine gute Therapeutin bzw. ein guter Therapeut zu sein?
Gut zuhören und empatisch sein. Viele Patient/innen fühlen sich nicht verstanden. Zeit nehmen, Patient/innen reden lassen. Dann eine handfeste gute physische Untersuchung und massgeschneiderte Übungen und auch gute sichere Handgriffe.
Was möchtest du den Teilnehmenden deiner Best-Practice-Weiterbildungen bei CareStudy vor allem für ihren Praxisalltag mitgeben?
Sicherheit, und ihnen Chancen geben schneller zum Ziel kommen, den Wald vor lauter Bäume zu sehen. Übersicht und Klarheit. Klassifizierungen und klinische Muster.
Nach vielen Jahren in Forschung, Lehre und Praxis: Was begeistert dich persönlich heute noch an der Physiotherapie?
Ich glaube daran. Ich denke Physiotherapie ist High Value Care. Das bedeutet sie ist kostengünstig und Kosteneffektiv, hat wenig Nebenwirkungen, und ist Effektiv. Kaum jemand im Gesundheitswesen hat so viel Zeit mit Patienten/innen wie Physios. Das ist sehr Wertvoll. Ich glaube viele teure Massnahmen bei den Patienten/innen gespart zu haben durch gute Physiotherapie.